Rede von Andreas (Bürengruppe) für die Initiative gegen Krieg auf der Veranstaltung "Hinter Mauern wächst kein Frieden" am 28.10.2006 in Paderborn:
Sehr
geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde!
Ich
möchte Sie auf eine kurze Reise zu den Mauern dieser Welt mitnehmen. Beginnen möchte
ich mit einer kleinen Geschichte von zwei Zäunen:
„Die
I’s und die P’s bekämpfen sich seit mehr als einem halben Jahrhundert. Während
der letzten paar Jahre waren das Misstrauen, die Feindschaft und die Paranoia
zwischen den beiden präzedenzlos stark.
I
war das Ziel von Terrorkampagnen islamischer Terroristen, die auf sein
Territorium eingedrungen sind und schreckliche Attentate gegen Soldaten und
unschuldige Zivilisten begangen haben. I beschuldigt P, es bilde diese
Militanten aus und tue nichts um sie zu stoppen.
Nach
einer langen Serie von gescheiterten Versuchen ein Friedensabkommen oder sogar
eine provisorische Feuerpause zu erreichen, beschließt die Regierung von I, sie
müsse einen Zaun als Sicherheitsabsperrung errichten, der es von P separiert.
Das
I Projekt eines Zaunes macht die P’s wütend. Ihr uniformierter Führer
verlangt von der Regierung von I sofort den Bau einzustellen.
Doch
trotz starken internationalem Drucks scheint I sich nicht zu beugen, und sein
weißhaariger Ministerpräsident rief sogar dazu auf, das Projekt zu
beschleunigen und den Zaun bis Ende 2004 zu vollenden.
Wenn
Sie jetzt dachten, die obigen Wörter beschreiben den kontroversen Zaun, der zur
Zeit auf der Westbank zwischen Israel und den Palästinensern errichtet wird,
dann sind Sie in guter Gesellschaft. Doch sie haben sich geirrt, I ist nicht
Israel und P ist nicht Palästina.
Die
obige Geschichte beschreibt einen anderen Zaun, der sich drei Zeitzonen entfernt
vom Nahen Osten im umstrittenen Gebiet von Kaschmir zwischen Indien und Pakistan
befindet. Seitdem pakistanische Militante im Dezember 2001 versucht haben das
indische Parlament zu erstürmen, hat Indien mit diesem ambitionierten Projekt
begonnen, dessen Ziel es ist die Grenze zu sperren. Dieser Zaun ist nur Teil
eines mehrere Reihen umfassenden Systems, das Minen, Sensoren, Gräben und in
einigen Teilen eine hohe Mauer umfasst.“
Weshalb
erzähle ich Ihnen diese Geschichte? Sie soll deutlich machen, dass wir hier von
einem globalen Phänomen sprechen. Sie soll deutlich machen, dass
Grenzziehungen, Mauern, Abschottung und Zäune weltweit Menschen daran hindern,
in Würde zu leben.
Grenzen
sind tödlich. Egal wo sie verteidigt werden. Ein paar weitere Beispiele sollen
das verdeutlichen:
·
Die
im Jahre 1974 erfolgte Teilung der Insel Zypern war das Ergebnis langjähriger
Spannungen und blutiger Auseinandersetzungen zwischen Griechen und Türken. 186
Kilometer lang ist die so genannte grüne Linie. Sie teilt auch die gemeinsame
Hauptstadt Nikosia.
·
100.000 Polizisten verrichten ihren Dienst an der Grenze zwischen
den USA und Mexiko. Sie können jedoch nicht verhindern, dass jährlich vier
Millionen Immigranten aus Mexiko illegal in das Staatsgebiet der USA einreisen.
Deshalb wurde zwischen dem mexikanischen Bundesstaat Sonora und dem Bundesstaat
Arizona eine Mauer von bis zu viereinhalb Metern Höhe gebaut. Sie ist
ausgestattet mit Bewegungsmeldern, Infrarotkameras und Stadionlampen. Erst vor
zwei Wochen billigte G.W. Bush den Bau einer neuen Sperranlage, mehr als 1000
Kilometer lang. Alleine im letzten Jahr starben mindestens 472 Menschen an der
Grenze zwischen den USA und Mexiko.
·
Zwischen Simbabwe und Botswana zieht sich ein 500 Kilometer
langer Zaun, der offiziell mit dem Ziel errichtet wurde, die Ausbreitung der
Maul- und Klauenseuche einzudämmen. Dennoch ist es ein offenes Geheimnis, dass
er die illegalen Einwanderer aus dem armen Nachbarland Simbabwe fernhalten soll.
Das politisch stabile und wirtschaftlich prosperierende Botswana bietet für die
Arbeitsuchenden viele Möglichkeiten, Geld zu verdienen und das mit Arbeiten,
die Einheimische nicht mehr machen wollen.
Grenzen
ziehen weltweit Gräben zwischen Menschen. Sie trennen Familien von ihren Angehörigen,
Bauern von ihrem Land, Arbeiterinnen von den Fabriken, sie trennen Freunde,
Liebende, Menschen. Nicht immer ist die Gewalt von Grenzen so offensichtlich wie
in den obigen Beispielen. Um sie zu verstehen, müssen wir aber nicht nach
Israel oder Indien, in die USA oder nach Saudi-Arabien blicken. Es reicht, sich
mit offenen Augen in Europa umzusehen, wo täglich Menschen sterben, die es
gewagt haben, Grenzen in Frage zu stellen und zu überwinden.
Nach
dem Ende des Eisernen Vorhangs sind um und in Europa neue Mauern entstanden: Die
spanischen Enklaven Ceuta und Melilla werden als Vorposten Europas durch einen
Stacheldrahtzaun, Wachtürme, Bewegungsmelder, Infrarotkameras und bewaffnete
Posten geschützt. Die Gelder für diese Maßnahmen wurden zum großen Teil im
Rahmen des Schengener Abkommens von der Europäischen Union (EU) zur Verfügung
gestellt. Trotz der hohen Sicherheitsmaßnahmen versuchen Tausende von Flüchtlingen
aus Afrika nach wie vor den Zaun zu überwinden. Tatsächlich erschweren die
Mauern den Weg nach Europa, so dass immer gefährlichere und teurere Routen und
Wege gewählt werden müssen, auf denen immer mehr Menschen zu Tode kommen. Am
29. September letzten Jahres rückte die Situation der MigrantInnen im Transit
in Marokko mal wieder in den Fokus der Öffentlichkeit, nachdem mindestens fünf
Personen durch Schüsse während eines Versuchs einer „massenhaften“ Überwindung
der Zäune von Ceuta ums Leben gekommen waren. Sechs Tage später fanden sechs
weitere Personen den Tod unter identischen Umständen in Melilla. Insgesamt
wurden 16 Tote offiziell anerkannt als Opfer dieser Episode des Krieges gegen
MigrantInnen, den die Europäische Union mit Hilfe der Transitländer führt.
Einige Tage später erreichten die NGOs verzweifelte Anrufe aus der Wüste. Die
marokkanischen Behörden hatten dort Hunderte von MigrantInnen ausgesetzt, ohne
genug Vorräte und Wasser um überleben zu können. Die Zäune um Ceuta und
Melilla sind verstärkt worden, seitdem versuchen immer mehr Menschen, den längeren
und gefährlicheren Weg über die Kanaren nach Europa. Wie viele dabei den Tod
finden, ist ungewiss. Die Organisation UNITED hat seit 1993 mehr als 7150 Todesfälle
registriert.
Aber
auch innerhalb Europas werden Mauern gebaut, um unliebsame Bevölkerungsteile
vom Rest der Gesellschaft zu trennen: Im tschechischen Usti nad Labem ließ die
Stadtverwaltung eine 65 Meter lange und 1 Meter 80 hohe Mauer um ein von Roma
bewohntes Gebiet errichten. Die tschechischen Anwohner hatten sich zuvor über
den Lärm beschwert, auch drohe die Straße angeblich im Dreck zu versinken.
Zwar musste die Maßnahme aufgrund von Protesten zurückgenommen werden, sie
zeigt aber den verbreiteten Rassismus in Europa.
In
Padua in Italien ließ die von der Linken dominierte Kommunalregierung quasi über
Nacht einen 84 Meter langen und drei Meter hohen Sperrwall aus Stahl um eine
Wohnanlage an der Via Anelli errichten, in der überwiegend arme MigrantInnen
leben. Die Metallplatten wurden bis zu eineinhalb Meter tief in den Boden
gerammt, damit sie nicht untergraben werden können. Die Umzäunung soll
verhindern, dass die Drogenhändler bei Razzien in eine Nebenstraße entweichen.
Zugleich soll die Nachbarschaft geschützt werden. Die anderen Zugänge zur Via
Anelli sind bereits mit Kontrollstellen der Carabinieri gesichert. Zahlreiche
Kameras überwachen das Areal.
Mauern
werden errichtet, um die Unerwünschten, die Überflüssigen fernzuhalten oder
sie einzusperren und zu kontrollieren. Es geht also hier im Einschluss und
Ausschluss. Wer darf dazu gehören, und wenn sperren wir aus? Auch hier vor den
Toren der Stadt, in Büren, werden Menschen hinter Mauern festgehalten, die in
Deutschland nicht erwünscht sind. Ihr einziges Vergehen ist es, keinen
deutschen Pass zu haben. Im Abschiebeknast werden sie bis zu 18 Monate lang
weggeschlossen, nur um den Behörden ihre Abschiebung zu erleichtern. Auch diese
Gewalt fordert regelmäßig ihre Opfer. 1999 starb der 19jährige Rashid Sbaai
in der Abschiebehaft in Büren. Insgesamt sind seit 1993 bundesweit mindestens
49 Menschen in Abschiebehaft ums Leben gekommen.
Mauern
und Grenzen sind manifestierte Gewalt. Täglich sterben Menschen bei dem
Versuch, Mauern zu überwinden. Bis vor ein paar Jahren wurde uns gesagt, die
Mauern seien nötig, als Schutz vor organisierter Kriminalität. Heute heißt
es, sie seien ein Schutz vor Terrorismus. Doch Mauern und Grenzen bieten keinen
Schutz, sie verstärken die Gewalt und bringen den Tod. Europa tötet für seine
Sicherheit. Unser Wohlstand ist auf den Leichen der Einwanderer aufgebaut, die
im Massengrab Mittelmeer begraben liegen. Wir alle müssen uns fragen, ob es das
ist, was wir wollen.
Grenzen
dienen in erster Linie den Interessen von Unternehmen und Staaten. Wir
bereichern uns an der Armut der anderen, aber mit den Folgen wollen wir nichts
zu tun haben. Wir beuten die Bodenschätze Afrikas aus und zerstören dabei
Natur und Lebensraum. Wir laden unseren Müll in Afrika ab und wundern uns dann
darüber, warum so viele Menschen lieber bei dem Versuch nach Europa zu kommen
sterben, als dort zu bleiben. Je mehr sich die sozialen Gegensätze verschärfen,
desto brutaler und kompromissloser wird die Verteidigung der Mauern und Grenzen
sein, die diejenigen draußen halten sollen, die im globalen Konkurrenzkampf auf
der Verliererseite stehen.
Umso
wichtiger ist es, deutlich NEIN zu sagen. NEIN zu Gewalt und Krieg, NEIN zur
barbarischen Realität des Krieges gegen MigrantInnen und Flüchtlinge. NEIN zu
Stacheldraht, Mauern und Grenzen. Egal ob in Israel, Saudi Arabien, Marokko oder
in Büren.
Und
genauso wichtig ist es, den Widerstand gegen die Mauern dieser Welt zu zeigen,
die Wut und Entschlossenheit derjenigen, die sich nicht mit der schlechten
Realität abfinden. Denn egal, wie hoch die Mauern gezogen werden, wie technisch
ausgefeilt die Überwachungsmethoden sein werden – solange Menschen
entschlossen sind, diese Mauern zu überwinden, und solange wir diese Menschen
mit der gleichen Entschlossenheit willkommen heißen, können wir Löcher in
diese Mauern schlagen.
Vielen
Dank.