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PAPIERE FÜR ALLE
Statt rassistische Gesetze à la Schily

Beitrag auf der Veranstaltung vom 18.9.2001


Der Schilyentwurf besteht aus zwei Teilen, dem eigentlichen Gesetz und der Begründung.

Es heißt "Gesetz zur Steuerung und Begrenzung von Zuwanderung" und damit ist eigentlich schon alles gesagt.

Es ist in Worte gegossene Gewalt, geht es doch darum, Menschen daran zu hindern, etwas zu tun, was sie wollen, nämlich zwischen den Staaten hin- und herwandern, wie sie es für richtig halten. Zusammengenommen wird das Gesetz die Ausgrenzung, die Benachteiligung und die Rechtsunsicherheit von Flüchtlingen und MigrantInnen, sowie deren Familien noch weiter verschärfen und damit auch das rassistische Klima vertiefen.

Der gesamte Ton des Gesetzes ist negativ, feindselig und repressiv. The Voice sagt, "das Gesetz baut auf Segregation, auf Haß und auf Rassismus".

Das fällt umso mehr auf, wenn man den Entwurf vergleicht mit den aktuellen Politik-Papieren der EU. 1999 hatten sich die EU-Innenminister in Tampere getroffen und die Schaffung einer gemeinsamen Immigrationspolitik beschlossen.

In einem Grundlagendokument wird erklärt, es solle einen Dialog zwischen den MigrantInnen und den Einwanderungsländern geben, Migration solle zum Wohle aller Beteiligten, den MigrantInnen, den Herkunftsstaaten und den Einwanderungsländern geschehen, Zuwanderung solle partnerschaftlich geregelt werden, man müsse willkommen heißende Gesellschaften schaffen, es solle ein klares Bekenntnis zur Förderung von pluralistischen Gesellschaften geben. Zugleich erkannte die EU die Vorzüge von Einwanderung an. Zeitgleich meinte die UN und der IWF, Europa bräuchte innerhalb der folgenden 50 Jahre bis zu 30 Millionen Einwanderer, um den Bevölkerungsrückgang auszugleichen, seine Wirtschaftskraft zu erhalten und natürlich um die Renten zu sichern.

So war für kurze Zeit der Eindruck entstanden, hier würde sich grundlegend etwas ändern. Einzelne Regierungen, wie etwa in England oder Italien schlugen plötzlich ganz neue Töne an. Einwanderung sei notwendig und hätte auch ganz viele Vorteile etc. Wir haben tatsächlich kurz angenommen, das sich unter dem demographischen Druck sogar hier etwas ändern könnte. Das der Rassismus, der in Fremden, in AusländerInnen grundsätzlich ein Problem sieht, dass der zurücktritt hinter zumindest rationalere Erwägungen.

Damit lagen wir völlig daneben. Schily setzt dem sogar noch eins drauf.

In der Begründung seines Gesetzes
- macht er grundsätzlich den damaligen "GastarbeiterInnen" den Vorwurf, das sie, nachdem der Boom vorbei war und sie nicht mehr so recht gebraucht wurden, dass sie damals dennoch nicht zurückgekehrt sind, sondern einfach blieben. das war nicht vorgesehen gewesen in dem System.

- Dann macht er ihnen den Vorwurf, auch noch ihre Familien nachgeholt zu haben. Auch das war vom Gastarbeitersystem nicht vorgesehen gewesen.

- Drittens macht er ihnen den Vorwurf, dass sie sich nicht genügend integriert haben. Natürlich erwähnt dieses Machwerk nicht die Ausgrenzung und Benachteiligung der AusländerInnen, auch das ist so eine kleine, aber typische Fiesigkeit der AutorInnen: Schuld sind immer die AusländerInnen! Das ist Rassismus!

- Den Asylsuchenden macht Schily den Vorwurf, dass sie trotz all der Abschreckungsmaßnahmen immer noch hierher kommen, zumeist völlig unbegründet natürlich und b.) dass sie das Asylverfahren nutzen, um so lange wie möglich her zu bleiben.

- Außerdem wird Flüchtlingen vorgeworfen, dass sie im Kampf um ihr Bleiberecht alle bestehenden rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft haben.

- Schlußendlich wird Illegalen vorgeworfen, das es sie überhaupt gibt und das es allzuviele Möglichkeiten gibt, hier auch ohne Erlaubnis zu leben.

Aus all dem wollen die Gesetzgeber nun die Lehre ziehen, das soll sich nicht wiederholen und auch nicht so weitergehen.

Deshalb richtet sich das Gesetz schlußendlich gegen alle, die bereits hier sind und gegen alle, die noch kommen werden.

Man kann sich geradezu bildlich vorstellen, wie die AutorInnen des Gesetzes bedauernd mit den Schultern zucken, dass sie den AusländerInnen der ersten Generation nicht an den Kragen können. Ebenso kommt es doch ziemlich distanziert rüber, dass man ja leider auch an internationales Recht gebunden ist.

Das Gesetz ist vor allem eine Antwort auf all die vielen jahrelangen Kämpfe von Flüchtlingen um ihr Bleiberecht. Alle gesetzlichen Schlupflöcher sollen damit geschlossen werden.

Das Gesetz soll auch verhindern, das die, die kommen, ihren Aufenthalt so nach und nach verstetigen, sich quasi hocharbeiten, wie im alten Gesetz. Es soll nur noch zwei Statusse geben, befristet und unbefristet, fertig.
Ist der Aufenthaltszweck erfüllt, sollen sie wieder ausreisen.

Das Gesetz soll zudem verhindern, dass die, die kommen, gleich ihre Familien nachholen können, wo statt einem Arbeiter, der gewollt wird, gleich eine ganze Familie auf der Matte steht, die nicht gewollt wird.

Schlußendlich formuliert das Gesetz nur ein einziges Ziel: den Nutzen für die deutsche Wirtschaft.
Internationale Verpflichtungen, also humanitäre Kriterien werden eher gezwungenermaßen anerkannt, dann aber im Detail enorm eingeschränkt.

Damit möchte ich zu einem Punkt kommen, der weit über diesen Gesetzentwurf hinausreicht, dieses perfide Nützlichkeitsprinzip oder in anderen Worten die Verwertbarkeit eines Menschen.

Deutschland preist sich ja immer gerne als Verfechter der Werte des Abendlandes, von Zivilisation und Menschenrechten. Dessen Geschichte ist aber eng verknüpft mit der Ideologie der Aufklärung. Die war schon viel weiter und hat gesagt, "kein Mensch soll niemals bloßes Mittel sein", jeder Mensch soll jenseits der Kategorie des Nutzens um seiner oder ihrer selbst willen geachtet werden.
Dieses Prinzip hatte nach dem Krieg Einzug gehalten in die moderne Sozialpolitik, den Sozialstaat und das Konzept der Solidargemeinschaft. Jetzt soll dieses Prinzip gekippt werden, damit geht es nach den Bemühungen, den NS zu historisieren, oder Militäreinsätze wieder zu ermöglichen darum, ein weiteres Element der Nachkriegspolitik abzuschaffen. Das dieses Prinzip auch noch anhand der Ausländerpolitik abgeschafft und durch die Nützlichkeitsideologie ersetzt werden soll, ist zu alledem auch noch rassistisch.

Die Tragweite ist jedenfalls enorm. In der Gentechnik erleben wir eine Diskussion, die die Leistungsfähigkeit und den Nutzen des Menschen steigern soll, gesündere, langlebigere, und intelligentere Menschen sollen es werden.
Mit der Debatte um Arbeitslose und SozialhilfeempfängerInnen, dem Vorwurf, da wären viele Faule dabei erleben wir die andere Seite.
Die, die nichts leisten, sollen ausgeschlossen werden aus der Solidargemeinschaft der Versicherten.

Da werden also ideologische Grundlagen geschaffen, die auch auf andere Lebensbereiche und damit auch auf uns Auswirkungen haben werden. AusländerInnen sind sozusagen der Testfall dafür.

Der nächste Punkt berührt das Konzept der Globalisierung.
Im Schily-Papier steht gleich im ersten Absatz klipp und klar, das Deutschland fit gemacht werden soll für den globalen Wettbewerb. Deutschland muss sich dem globalisierten Markt für Arbeitskräfte anschließen und vor allem Unternehmern bessere Bedingungen bieten.
Überhaupt, die einzigen größeren Verbesserungen in dem Gesetz, wenn man es denn so nennen will, sind bessere Bedingungen für Unternehmer, für Fachkräfte und zukünftige Fachkräfte, also StudentInnen.

Ich hab ja Eingangs schon die EU erwähnt. Einwanderungspolitik ist heute längst nicht mehr Sache der einzelnen Nationalstaaten. Mit dem Vertrag von Amsterdam haben sich alle europäischen Regierungen verpflichtet, bis 2003 eine gemeinsame Politik zu machen, und zwar in enger Absprache mit den USA und Kanada. Es gibt einen Think Tank auf globaler Ebene, die Zwischenregierungskonsultationen, auf der die Globalstategien verabredet and abgestimmt werden.

Ein Beispiel sind Abschiebungen in Viert-Staaten. Die EU ist ermächtigt, in sämtliche Verhandlungen mit anderen Staaten um Entwicklungshilfe, Handel oder technische Zusammenarbeit als Bedingung einen Paragraphen über die Verpflichtung zur Aufnahme von Abgeschobenen aufzunehmen, unabhängig von der Herkunft der Betroffenen.

Wir machen Ende nächsten Monats zu diesem Thema, die Globalisierung des Migrationsregimes eine weitere Veranstaltung, deshalb will ich das jetzt nicht weiter vertiefen. Es geht aber im großen und ganzen darum, wie die EU ihren Zugriff auf alle Herkunfts- und Transitstaaten organisiert und durchsetzt.
Dahinter verbirgt sich ein ungeheuer aggressiver Machtanspruch auf das Geschehen in weiten Teilen der Welt, ein neuer EU-Imperialismus möglicherweise.

Wie auch immer, die Frage ist, wie lassen sich die globalen Migrationsbewegungen eindämmen, kontrollieren und steuern. Der Schily-Entwurf ist ein Teil dieses globalen Migrationsregimes. Er spiegelt aber auch eine Streit zwischen liberaleren Ansätzen und sehr autoritären wieder. Schily steht auch innerhalb der EU eher am rechten Rand und verkörpert einen sehr aggressiven Umgang mit den Weltmigrationsbewegungen.

Insofern ist der Schily-Entwurf, der Angriff auf Flüchtlinge und MigrantInnen der Preis für die Globalisierung, Ausdruck der Globalisierung und Teil davon.

Schilys Gesetzentwurf zu bekämpfen heißt deshalb auch, dem Vormarsch des Neoliberalismus und der Globalisierung des Kapitals entgegenzutreten.

Damit bin ich beim letzten Punkt angelangt, den Aktionen und den Widerstandsperspektiven. Bislang haben sich alle Wohlfahrtsverbände, Kirchen, Initiativen, NGOs, das gesamte Spektrum in seltener Einmütigkeit gegen den Gesetzentwurf ausgesprochen und zwar in der Regel ungewöhnlich deutlich. Das geht aber nicht immer weit genug.
Schilys Gesetzesentwurf einfach bloß zu bekämpfen würde heißen, wir wollen unser gutes Ausländer- und Asylrecht erhalten. Das wäre Blödsinn. Vielmehr geht es darum, in den Widerstand gegen den Schily-Entwurf die Kritik an den bestehenden Regelungen zu integrieren, also Abschaffung der Abschiebehaft, des Flughafenverfahrens, des Asylbewerberleistungsgesetzes und so weiter. Dann geht es darum, dem bloßen ?Nein? eigene Forderungen folgen zu lassen, also zum Beispiel, wie die Legalisierungskampagne von Kanak Attak, mit denen wir auch Ende Oktober eine Veranstaltung machen, oder "Papiere für alle", was uns vorschwebt.
Für die Kampagne zur Unterstützung der staatenlosen kurdischen Libanesen heißt das, das sie so eine Art Pilotgruppe sind für etliche der Schily-Vorschläge. Hier Erfolg zu haben würde weit über diese eine Gruppe hinaus Wirkung haben. Ohnehin muss eine Kampagne auch dort ansetzen, wo es bereits Kämpfe gibt.
Im Moment sind es, wie so oft die Flüchtlinge, die als erstes eine organisierte Antwort zustande bringen. The Voice oder auch die Karawane mobilisieren zu einer bundesweiten Demo nach Berlin am Samstag, den 29.9. Dabei wollen wir sie unterstützen.
Die nächsten Aktivitäten sind die bundesweite Demo gegen Deutschlands größten Abschiebeknast in Büren am 3.10., sowie eine vor allem von der AntiFa geplante Demo gegen das Ausländerzentralregister in Köln.

I. Papiere für alle

Im Sommer tourten VertreterInnen des italienischen MigrantInnen und antirassistischen Bündnisses "Il 3 Febbraio" durch die Republik, um auszuloten, wie die Stimmung für eine europaweite Kampagne
"Papiere für alle" ist. Im Herbst plant Kanak Attak eine gleichnamige Kampagne zu starten.
Gleichzeitig versuchen sich auch Parteien wie die PDS auf diesem Terrain zu profilieren.
Wenn man über weitere Zuwanderung redet, muß man auch die Rechte aller verteidigen, die schon hier
sind. Wir denken, dass mit "Papiere für alle"

* all diejenigen gemeint sein sollten, die hier bereits ohne Papiere leben,
* die Menschen, denen erst der Entzug von Papieren droht oder die praktisch auf der Liste der Abzuschiebenden stehen,
* alle diejenigen, die keine Chance hatten Asyl oder ein dauerhaftes Bleiberecht zu bekommen, für die es aber eine Zumutung wäre, in menschenunwürdige Zustände abgeschoben zu werden.

Mit allen meinen wir alle, "Papiere für alle" ist eine Forderung von allen für alle.
Wir haben den Partikularismus satt!

Unter solch einer Kampagne sollten wir also aktuell den Kampf für das Bleiberecht aller in Deutschland anwesenden Flüchtlinge und MigrantInnen verstehen, die Vergabe von Papieren für den Daueraufenthalt einschließlich Arbeitserlaubnis, des Recht auf reguläre Sozialhilfe und selbstverständlich für Bewegungsfreiheit.
Die Kampagne soll unterhalb der Slogans "Kein Mensch ist illegal", "Offene Grenzen" und "Gleiche
Rechte für alle" angesiedelt sein, sie soll diese konkretisieren, nicht ablösen.

"Papiere für alle" ist gleichzeitig eine Bleiberechts-, eine Legalisierungs- und eine sozialrechtliche
Forderung. Außerdem eine Forderung nach Bewegungsfreiheit.

In einer Kampagne von und mit den Flüchtlingen selbst stehen diejenigen vorne, die auch bislang
schon TrägerInnen in diversen Anti-Abschiebungskampagnen waren: Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten und Diktaturen wie der Türkei, anderer Länder des Nahen Ostens und des Maghrebs, Sri Lankas, Afrikas und Lateinamerikas. Wir wünschen uns die Zusammenarbeit mit The Voice und der Karawane.

(i) Das wesentliche Kriterium einer solchen Kampagne sollte die Zusammenarbeit mit Flüchtlingen sein. Das hat für uns nie geheißen, die eigene Gruppenstruktur aufzugeben. Die Kooperation kann diverse Formen annehmen. An sich können wir uns Kampagnen ohne die Menschen, um die es geht, nicht vorstellen. Tendenziell geht es sowieso darum, soziale Subjektivität von unten in der Metropole zu entfalten, nicht vordergründig auf mediale Triumphe zu zielen, was ohnehin nicht klappt.

(ii) Wir benötigen unterhalb der programmatischen Slogans "Kein Mensch ist illegal" und "Offene Grenzen? eine weitere Ebene, die unsere Vorstellungen verdeutlicht und den unmittelbaren Interessen der Flüchtlinge gerecht wird. Wir haben nichts gegen pragmatische Zwischenforderungen, wenn sie aus der jeweiligen Kampfsituation erwachsen oder nichts gegen Teilforderungen wie "Green Cards für Hausarbeiterinnen", solange sie Teil eines gemeinsamen Zieles bleiben. In der konkreten Kampagne mit den kurdischen Libanesen/innen wäre die Durchsetzung einer "Altfallregelung" das dringliche Ziel, obwohl es ein scheußlicher Begriff ist. Mitunter geht es im Alltag ja um so erbärmliche Ziele, wie die Verlängerung einer Grenzübertrittsbescheinigung. Wie auch immer die Formulierung aussieht, wir versuchen jeweils das maximale herauszuholen. Wenn sich aus der jeweiligen Situation heraus Bündnisse mit Gewerkschaften, mit Handwerkskammern oder wem auch immer anbieten, spricht nichts dagegen, solange es den Menschen, mit denen wir zusammen kämpfen, nützt. Aber Taktik kommt nach, nicht vor der Strategie. Mit den Modernisierungsinteressen des Kapitals verbindet uns aber auch gar nichts.


Begründung

1. Vor einem knappen Jahr hatte das Antirassismusbüro einen Rückblick auf 10 Jahre Kampf der antirassistischen Gruppen und die Flüchtlingsunterstützungsbewegung vorgelegt (Anm. 1). In dem Papier hatten wir den sich abzeichnenden Kurswechsel in der Migrationssteuerung der Herrschenden hin zu einer "Einwanderungspolitik" skizziert und mögliche Konsequenzen für uns andiskutiert. Im wesentlichen
ging es darum, sich auf eine neue Zusammensetzung der MigrantInnen einzustellen und auf eine Verzahnung von Flüchtlingskampf und sozialem Kampf hinzuwirken. Dieser auf EU-Ebene eingeleitete
Paradigmenwechsel zur neuen geförderten Arbeitsmigration bei gleichzeitiger europäischer Vereinheitlichung des Migrationsregimes - mit Konsequenzen für die gesamte Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik - nimmt nun Gestalt an. Die Begründungen für die Sozialtechniker der Macht sind klar und deutlich:

* qualitative und quantitative Steuerung der Bevölkerungszusammensetzung nach kapitalistischen Maßstäben;
* Produktivitätssteigerung auf gesellschaftlicher Ebene;
* Senkung der Staatsquote durch Senkung der Ausgaben für Renten, Sozialhilfe und Gesundheit;
* Steigerung des Anteils der lohnförmig Beschäftigten an der Bevölkerung.

Über den Umfang der neuen Einwanderung ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Reichweite und Konsequenzen des Politikwechsels müssen wir noch weiter untersuchen. Die aktuellen Vorschläge machen allerdings eines klar: die Zuwanderung im großen Stil, wird wenn überhaupt, dann nicht sofort organisiert. Der Bevölkerungsrückgang mit all seinen Konsequenzen erreicht erst in 30 Jahren seinen Höhepunkt. Bevor Zuwanderung der neuen Art im großen Stil zu greifen beginnt, wird es erst einmal all jenen an den Kragen gehen, auf die das bisherige Modell der "Festung Europa" zugeschnitten war.

2. Wir sollten uns immer wieder aufs Neue darüber im Klaren sein, dass unerwünschte Massenmigration einen Kampf für soziale Grundrechte beinhaltet, der sich nicht an kapitalistischen Verwertungskriterien orientiert, sondern an den Maßstäben der Menschenwürde, des Existenzrechts für jeden Menschen. Da können wir uns nicht vermittelnd als "NGO für Flüchtlinge" drauf setzen und deshalb sollten wir den antagonistischen Charakter der Massenmigration nicht affirmativ umdrehen.
Massenmigration aus den Armuts- und Kriegszonen in die Metropolen ist gleichzeitig Überlebenskampf und Angriff auf die vom Kapital konstruierten und verfestigten Einkommens- und Sozialgefälle. Kämpfe für das Bleiberecht und für Bewegungsfreiheit sind moderne Erscheinungsformen des Kampfes für das Existenzrecht. (Anm.2) Heute geht es darum, sich selbstbewußt und emanzipativ gegen die kapitalistische Sozialtechnik der Migrationssteuerung zusammenzuschließen.

3. Der geschwundene Spielraum im Ausländerrecht und der spiralförmig zunehmende repressive Druck schaffen neue "Illegale". Das verschärfte Vorgehen der Ausländerbehörden und der angeschlossenen Ermittlungseinheiten der Polizei, die heute bereits auf mehreren Kontinenten Jagd auf Migrantinnen im deutschen Auftrag machen, schürt aber auch das Potential zur Verbreiterung des Kampfes. (Anm.3) Der Arm des deutschen Migrationsregimes reicht inzwischen bis weit nach Osteuropa, den Nahen Oste  und nach Afrika hinein und spiegelbildlich dazu wird sich die grenzüberschreitende Widerstand organisieren. Dazu wurde auf dem No Border Camp in Polen eine Idee eingebracht (siehe II). 


4. Auf den Treffen von KMii hatten wir die "Ausweitung aufs soziale Terrain", beispielsweise entlang der Frage nach den Arbeitsbedingungen und Einkommen locker diskutiert. An dieser Debatte sollten wir unbedingt festhalten und sie fortführen. Genauso sollten wir unsere Debatte über die zukünftigen Aspekte der "Globalisierung von unten" erweitern.

5. Aktuell müssen wir uns jedoch ein Stück weit in Sachen Prioritäten korrigieren: Was wir vor einem Jahr noch nicht wissen konnten, ist, wie brutal und grausam die Einwanderungspolitik mit einer Verschärfung des Angriffs auf die Massen der unerwünschten Flüchtlinge kombiniert werden würde!

Erst jetzt, wo wir das Süssmuth-Papier kennen, sehen wir, daß die selektive Zuwanderung einhergeht mit dem intensivierten Kampf gegen selbstbestimmte Migration, mit der Intensivierung des Kampfes entlang der Fluchtrouten und der Verschärfung des Angriffs auf die Unerwünschten im Land. Die Härte gegenüber den Kosovarinnen in Berlin oder den staatenlosen libanesischen Kurden/innen in Bremen, Niedersachsen und NRW spiegelt den Versuch der Flurbereinigung wieder. Auch enthalten die Vorschläge keine Legalisierungsangebote, der Status Quo "Illegalität? wird nicht in Frage gestellt. Deutschland hat in den vergangenen Jahrzehnten ein rassistisches Sonderrecht für AusländerInnen etabliert. Eine Umkehr ist mit dem Übergang zum Einwanderungland keineswegs beabsichtigt.

"Am 4. Juli 2001 wurde das Zuwanderungspapier der 'Süssmuth-Kommission' veröffentlicht. Die anschließenden Debatten zeigen, daß die Strategie einen breiten gesellschaftlichen Konsens über nutzbringende Kriterien zur Zuwanderung zu schaffen aufzugehen scheint. Bei genauerem Hinsehen jedoch bedeuten die Vorschläge der Kommission sogar an vielen Punkten eine Verschärfung der derzeitigen rechtlichen Situation. Ausgehend von einer durch ökonomische Nützlichkeitslogik bestimmten Diskussion um Migration und Einwanderung wird das Abdrängen in die Illegalität hier zum Programm. (Einladung zur Pressekonferenz in Berlin am 25.7.01))

6. Es wird keine win-win Situation geben, im Gegenteil. Einerseits wird jedes kleine Zugeständnis in Sachen Bleiberecht und Lebensbedingungen der Flüchtlinge in Deutschland hart erkämpft werden müssen. Andererseits wird der Kampf gegen die Unerwünschten weiter intensiviert. Auch wir sind der freundlichen Propaganda mit dem Schwenk zum Einwanderungsland ein Stück weit gefolgt. Das allgemein erzeugte Meinungsklima ist irreführend, weil der Kurswechsel in der Zuwanderungspolitk einen Doppelcharakter hat. Deshalb halten wir die Überschrift "Jeder Mensch ist ein Experte" für ungeeignet, um die Schärfe des Angriffs, die der Übergang zur Vereinheitlichung der "Zuwanderungssteuerung" mit sich bringt, zu beantworten.

II. IOM ausbooten

Zuwanderungsdebatte und europäisches Migrationsregime sind zwei Seiten derselben Medaille, deshalb gehört an die Seite einer "Papiere für alle?-Kampagne eine Initiative gegen die Instrumente der Bekämpfung von Migration. Was dem Kapital die WTO ist dem Migrationsregime die International Organisation for Migration (IOM). Die IOM mit ihren 40 field offices hat die Aufgabe eines "Migrationsfrühwarnsystems? (O-Ton), einer Art Spionageorganisation zur Bekämpfung von selbstbestimmter Wanderung. Der "Kalte Krieg? gilt heute den Flüchtlingen. Im Kosovo erfüllt sie die Funktion einer Protektoratsverwaltung. Die IOM macht unmittelbar Politik- und Grenzpolizeiberatung. Sie agiert bislang ungeschoren und genießt das Vertrauen vieler NGOs oder kritischer Wissenschaftler. Zwar sind die Inter-Governmental Consultations on Asylum, Refugee and Migration oder think tanks wie das International Centre for Migration Policy Development in Wien (ICMPD) kaum weniger relevant. Doch die IOM mit ihren Niederlassungen ist am verbreitetsten. Auf den weiteren europäischen Treffen wollen wir beraten, ob es nicht sinnvoll wäre, ähnlich wie in der "Anti-Globalisierungsbewegung" Kampagnen gegen ein, zwei solcher Institutionen zu starten. Solche Kampagnen machen nur Sinn, wenn sie von den befreundeten Gruppen in (Ost-) Europa geteilt werden. Sie könnten u.U. auch für die Zielrichtung zukünftiger Grenzcamps eine Rolle spielen.



Anmerkungen:
(1) Antirassismusbüro Bremen, Thesenpapier.
ANTIRASSISMUS 2000. Kritischer Rückblick auf 10
Jahre antirassistischer Bewegung, über die
Grundzüge eines neues Migrationsregimes und Fragen
an die Zukunft, Bremen Sept.2000, siehe:
http://www.is-bremen.de/arab
(2) Wir verweisen auf die sozialhistorische
Debatte um die "moral economy" in der Zeitschrift
Autonomie N.F. Nr. 14 (1985), die der Reformulierung sozialrevolutionärer Theorie durch
Negri/Hardt in "Empire" immer noch voraus ist.
(3) Der "investigative journalism" über die Arbeit
der polizeilichen Ermittlungsgruppen wie der EG 19
in Bremen, die in der Türkei, im Libanon und aber
auch in Nigeria über sog. Alias-Identitäten
schnüffeln läßt, steht noch aus.
(4) "Jeder Mensch ist ein Künstler" im
erweiterten Kunstbegriff von Beuys war richtig.
Hingegen ist "Jeder Mensch ist ein Experte"
ungut, weil der Begriff "Experte" anders als der
des "Künstlers" auf das Verwertbare an der
Arbeitskraft anspielt. Wir gehen jedoch
(lohntheoretisch) vom lebendigen Nichtwert, vom
Existenzrecht unabhängig von der Verwertung
(Nützlichkeit) aus und wollen dies auch
kompromißlos deutlich machen.v

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